11. Dezember 2008

Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist. Oder: Warum Links und feministisch zusammengehören!

von Cornelia Möhring

Seit der ersten Frauenwerkstatt der Partei Die Linke im September 2007 diskutieren Frauen in und um Die LINKE die Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug. Sie stellt einen umfassenden Orientierungsrahmen für eine linke Politik dar, die auf die radikale Veränderung der Arbeitsteilungen in der Gesellschaft zielt. Er ist ein zugleich eindringliches Plädoyer dafür, aus Utopien Kraft für Veränderung zu schöpfen.  Haug empört sich über eine Politik, die verspricht, mehr Arbeit bzw. Arbeitsplätze zu schaffen und gleichzeitig verschweigt, dass die vorhandene Arbeit, „die aus der Organisation dessen kommt, was wir zusammenfassend Reproduktionsarbeit nennen“  kaum mehr zu schaffen und zugleich zutiefst ungerecht verteilt ist, zum Beispiel zwischen den Geschlechtern.

Gegen das Gerede, es sei nicht genug Arbeit für alle da (Problem Arbeitslosigkeit) behaupten wir, dass es zuviel Arbeit gibt und fordern den 16 Stunden Tag für alle.  Das bedeutet zugleich, dass wir methodisch mit Witz und Paradoxie arbeiten. Dann erklären wir: Der Tag setzt sich zusammen aus 4 Stunden Erwerbsarbeit, 4 Stunden Reproduktionsarbeit, 4 Stunden politische Arbeit, 4 Stunden Lernen und kulturelle Entwicklung. Die Zusammenfügung soll uns davor bewahren, in kleinteilige langweilige Politik des Beschwerens und des Feilschens zu müssen, sondern selbstbewusst einen anderen Arbeitsbegriff zu setzen, in dem die Perspektive einer anderen Gesellschaft aufscheint – Fernziel.“ (F. Haug, 2007, in Forum Linke Frauen)

Teilzeit für alle

Dieser Gegenentwurf, der idealtypisch von einer täglich möglichen Arbeitszeit von 16 Stunden ausgeht und der alle Tätigkeiten – in der Erwerbsarbeit, in der Sorgearbeit für sich und andere, in der Entfaltung eigener (schlummernder) Fähigkeiten und in der Politik – in gleichem Umfang auf diese vier Bereiche verteilt, setzt eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeit voraus. Die Vision der neuen Arbeitsteilung würde die politische Forderung nach dieser beflügeln. Zugleich veränderte sie die (alte) Politik der Arbeitszeitverkürzung, weil diese jetzt verknüpft wird mit der Umverteilung der gewonnenen Arbeitszeit auf die anderen Felder. Die menschlichen Tätigkeiten stehen sonst beliebig nebeneinander ohne inneren Zusammenhang, weil sie nicht an ein perspektivisches gesellschaftliches Projekt geknüpft sind.

Frigga Haug konzentriert sich in ihrem Vorschlag auf die vier Herrschafts-bereiche und ihr Zusammenwirken:

diejenigen, die aus der fremd verfügten Arbeit als Lohnarbeit kommen, diejenigen, die aus der Verfügung der Männer über die Frauen herrühren, diejenigen, welche die Abtrennung des Politischen von den unmündigen Subalternen fortschreiben, und diejenigen, die den meisten Menschen die konkret-mögliche Entwicklung ihrer Anlagen vorenthalten, das Leben also menschenunwürdig machen.

Die verschiedenen Bewegungsimpulse spielen zusammen, bestimmen und gestalten einander; sie seien daher also im Grunde schon immer als Zusammenhang zu studieren. Ohne auf diesen Zusammenhang zu orientieren, versande jedes politische Projekt für sich im langweiligen Reformismus, auch wenn wir von den jeweiligen Bewegungen viel lernen können. Nur in der Utopie gebündelt könne es (das Projekt) kritisch genutzt werden und revolutionäre Kraft entfalten. Die Kunst liege also in der Verknüpfung der 4 Bereiche.

Mit der Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle auf ein Viertel der aktiv zu nutzenden Zeit, erledigen sich die Probleme von Arbeitslosigkeit und Armut, wir könnten uns auf die Qualität der Arbeit konzentrieren.

Für die Reproduktions-Familienarbeit bedeutet dies eine Verallgemeinerung: so wie niemand aus der Erwerbsarbeit ausgeschlossen sein kann, so auch nicht aus der Familienarbeit. Und auch nicht aus der Sorge für sich selbst und Andere und für die Umwelt. Neben der Erziehung der Kinder und der Pflege von Alten und Kranken gehören dazu auch Muße und Erholung, Gastfreundschaft für Erwachsene und Kinder, Liebe und Freundschaft und Vieles mehr, das uns Freude macht. Alle, Männer wie Frauen, können hier mehr Lebensqualität gewinnen und ihre sozialen menschlichen Fähigkeiten entwickeln.

Mit der Dimension der individuellen Entwicklung als menschliche Tätigkeit, geht es darum, dass jeder Mensch den lebenslangen Prozess der Entwicklung seiner eigenen vielfältigen Möglichkeiten von Anfang an ergreifen kann. Es also nicht mehr hingenommen werden muss, dass die einen Sprachen lernen, musizieren, malen, reisen, tanzen, sich selber vervollkommnen, während die anderen froh sein können, wenn sie überhaupt lesen und schreiben können.

Das letzte Viertel der vorgesehenen Arbeitsteilung beschreibt zugleich den Politikanspruch, dass Gestaltung von Gesellschaft keine arbeitsteilige Spezialität sein soll, bei der die einen Politik machen, während die anderen, die übergroße Mehrheit, deren Folgen ausbaden.

Kein Nahziel – aber Kompass für unsere Forderungen

Haug räumt ein, dass die „Vier-in-einem-Perspektive“ kein hier und heute umsetzbares Nahziel ist, aber gleichwohl als Kompass für die Bestimmung von Nahzielen dienen kann. Zugleich kann sie aus „falschen Alternativen, die Politik lähmen und langweilig machen“, herausführen. Es leuchtet unmittelbar ein, dass – denkt man die vier Bereiche zusammen – es z.B. nicht mehr nur um Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehen kann, sondern auch um die Vereinbarkeit beider mit Teilhabe am Kulturellen und am Politischen; oder dass der Streit, ob Grundeinkommen bedingungslos sein soll oder nicht, obsolet wird, wenn man davon ausgeht, dass alle ein Recht auf einen vierstündigen Erwerbsarbeitsplatz haben und Gesellschaft aktiv gemeinsam gestalten können.

Utopie und Praxis

Dort wo wir Frauen in der LINKE  über die Vier-in-einem-Perspektive diskutiert haben, nehmen wir die Utopie mit kritischer Begeisterung auf.

Eine Gesellschaft, die Arbeitsteilung und die damit verbundene Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums anders regelt, wäre sowohl die „Lösung“ unserer Nöte, Probleme und Überforderungen und zugleich eine Utopie, die uns menschlich und machbar erscheint. Auch wenn sie noch in weiter Ferne liegt.

4 Stunden für Erwerbsarbeit und das Problem der Arbeitslosigkeit wäre geregelt; 4 Stunden für Reproduktions- Familienarbeit und die Kinder und Hausarbeit, wie auch die Pflege Alter und Kranker, wäre nicht mehr allein die Verantwortung der (maximal) Eltern und naher Angehöriger, sondern eine Sache aller Mitglieder der Gesellschaft; Das Recht auf 4 Stunden für persönliche Interessen, Kultur, Lernen, Entwicklung und 4 Stunden politisch-gesellschaftlicher Beteiligung als Arbeit gefasst, für die wir Zeit brauchen, ermöglicht und fordert, dass alle Politik machen und Gesellschaft alternativ gestalten.

Weniger verlockend erscheint es, sich den Tag wie nach der Stechuhr aufgeteilt vorzustellen, und es drängt sich die Frage auf, ob das überhaupt funktionieren kann. Die Antwort ist, dass die Bereiche sich in der Realität nicht so klar trennen lassen und tatsächlich  in komplexer Weise ineinander greifen werden. Es macht aber Sinn, die Zeitstruktur als Denkmodell einmal wörtlich zu nehmen und den Nutzen zu diskutieren.

Die konkrete Tageseinteilung provoziert und bringt unser Denken in Bewegung. Da wir wissen, dass die Produktivität in unserer Gesellschaft so zugenommen hat, dass eine Reduktion auf 4 Stunden Erwerbsarbeit theoretisch möglich wäre, stellen wir die Diskussion um Arbeitszeit und Arbeitszeitverkürzung in einen konkreten Bezug zur aktuellen Politik. Wir verhindern durch das Konkrete zugleich, dass die Möglichkeiten der neoliberalen Flexibilisierung angerufen werden. Es kann z.B. nicht darum gehen, nach Sabbatjahren unterschiedlichster Art wieder in unveränderte Strukturen der Arbeitswelt zurückzukehren. Vielmehr soll die bisherige Delegierung notwendiger Arbeiten aufgehoben werden, weil es zum Menschen gehört, sich um alle diese Tätigkeiten zu kümmern und verändernd in die Gestaltung der Gesellschaft einzugreifen.

Im neoliberalen kapitalistischen Projekt verlieren besonders die Frauen.

Die Deregulierung von Markt und Arbeit ist verbunden mit entsprechenden Rechtsverlusten, Abnahme von Schutzabkommen, Tarifsicherheiten und  gewerkschaftlicher Einbindung und dem Abbau des Sozialstaates. Frauen, und das ist rechnerisch leicht zu belegen, sind von Stellenabbau unverhältnismäßig betroffen, auch weil sie unverhältnismäßig häufig im öffentlichen Dienstleistungssektor erwerbstätig waren; Änderungen im Rentenrecht treffen sie härter, weil sie auch bisher schon Renten hatten, mit denen sie nicht existieren konnten. Frauen verdienen immer noch bedeutend weniger als ihre männlichen Kollegen (durchschnittlich 22% in D), sie machen den größten Anteil in prekären Beschäftigungen aus, usw.

Frauen sind besonders für die ganzen menschlichen Dienste geeignet, die in neoliberalen Zeiten als unprofitabel gelten und somit als nebensächlich. Sie sind zuständig für die Reparaturarbeiten der Gesellschaft, versorgen die Arbeitslosen, die Verlierer, die Ungeeigneten, die Behinderten, die Kinder, die Alten. Das neoliberale Projekt stößt mehr und mehr solche Arbeiten ab. Die Umsonstarbeit von Frauen war schon immer vorgesehen, sie wird heute immer notwendiger für das Überleben des neoliberalen Projektes. Erst recht in der sich abzeichnenden globalen Rezession.

Es gibt schon lange keine einheitlichen Lebensentwürfe mehr. Der noch vor Jahren gültige Normalarbeitstag des männlichen (weißen) Durchschnittsmenschen ist nicht mehr Norm. Natürlich auch, weil es diese Arbeitsplätze gar nicht mehr gibt. Die Arbeitsprozesse, - in allen Bereichen – haben sich so verändert, dass Arbeit immer intensiver wird. Wer Zeit für Kinder, Freunde, Verwandte, sich selber, für politische, kreative und sportliche Aktivitäten will, kann sie mit einem „Normalarbeitsverhältnis“ in neoliberalen Zeiten nicht vereinbaren. Zeit ist zu einem gesellschaftlichen und heiß umkämpften Wert geworden. Das wäre auch durch eine Abschaffung des Kapitalismus keineswegs automatisch mit gelöst.  Die Linke braucht einen anderen Begriff von gesellschaftlich-notwendiger Arbeit und eine entsprechende Neuverteilung derselben, wie auch einen neuen Begriff von Zeit.

Ökonomische Kapitalismuskritik reicht nicht aus

Es reicht keine rein ökonomische Kapitalismuskritik, es reicht auch nicht, Forderungen aufzustellen, deren angebotene Lösungen das nächste Übel schon in sich tragen, wie eine jatrogene Krankheit.  Auch Utopieentwürfe, die mehr der Theorie (oder den Theoretikern) als dem realen Leben verpflichtet sind, reichen nicht, um daraus Kraft zur Veränderung zu schöpfen. Ebenso wenig wie die kleinen, am System, maximal kratzenden, Reförmchen, die nicht mal konkrete Hilfe ermöglichen.

Feministische Kapitalismuskritik bezieht sich auf das gute Leben aller in einer Gesellschaft, die sich nicht selbst zerstört und die Zukunft nicht auf Kosten vieler verspielt. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen und darum, wie wir die Diskussionen um die Verteilung von Arbeit, die Ziele des Wirtschaftens, der Wachstums- und Gewinnstrategien dieser Frage unterordnen.

Der Begriff soziale Gerechtigkeit darf sich daher (aus feministisch-sozialistischer Sicht) auch nicht auf die Umverteilung materieller Ressourcen beschränken. Er muss auch auf einen neuen Geschlechtervertrag zielen und er muss sich an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen orientieren.

„Es geht um so grundlegende Dinge wie Fragen der Bildung, der Nahrung, der Stadtgestaltung, des Verkehrs, der Qualität von Luft zum Atmen, von Umwelt etc. Es geht darum, die Frage der Gattungsreproduktion oder der Erziehung der nächsten Generation zur politischen Frage zu machen und dieses in der Umgestaltung der derzeitigen Geschlechterverhältnisse, die auch Politik- und Produktionsverhältnisse sind, neu zu regeln, weil die jetzige unvernünftige und lebensfeindliche Regelung auf den tradierten Geschlechterverhältnissen aufbaut.

Nichts gilt ein für allemal außer das, was immer wir tun, wofür wir uns einsetzen mit dem Kampf um die Veränderung der Gesamtgesellschaft verbunden werden muss. Insofern sind die Lage der Frauen und ihre Kämpfe ein Gradmesser für die Entwicklung der Gesellschaft, wie schon Fourier, Marx und Engels und Virginia Woolf voraussahen.“ (Frigga Haug, 2008)

Links und feministisch gehört also unbedingt zusammen. Nicht nur, damit Die LINKE eine Partei wird, in der Frauen sich organisieren wollen (und können).  Sondern deshalb, weil wir nur so eine revolutionäre (und damit radikale) Realpolitik entwickeln, die im Hier und Jetzt Bewegungen und Veränderungen unterstützt, voranbringt, ermöglicht, durchsetzt... ohne dabei Gefahr zu laufen, im parlamentarischen Parteienbrei auf und unterzugehen. Eine Politik in diesem Sinne ergreift konsequent Partei zugunsten der Diskriminierten in der Gesellschaft, befördert das eigene Handeln und greift nach den Sternen, ohne sich in theoretischen Träumereien zu verlieren.

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Mehr in Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument Verlag, Hamburg 2008