Von Simon Hanl (Linksjugend ['solid] und DieLinke.SDS) verfasst, anlässlich der linken Bildungskonferenz in Schleswig- Holstein. Der Artikel geht kritisch und ergänzend auf die „Thesen zum Bereich Schule“ der LAG Bildung ein, die in Vorbereitung auf den Workshop „Schule“ verfasst wurden und hier zu finden sind: http://linke-bildungskonferenz.de/2011/thesenpapier/die-linke-thesen-zum-bereich-schule/
Ich verweise auch auf unser Positionspapier, wo wir das deutsche Bildungssystem ausführlicher analysieren: http://www.solid-sh.de/index.php?id=19312
„ich bin dafür, dass gelernt wird
das lernen gegen den klassenfeind
ein lernen geht von oben nach unten
von sonderbar vorne nach gewöhnlich ganz hinten.
das andere geht von gleich zu gleich
in gegenseitigkeit, offen,
das ist ein zutrauen, das weiß
dass für unseren kampf jeder jedem
jede jeder
was mitzubringen, was zu zeigen hat
was zu bedenken gibt und
was zu entdecken
was einer falsch macht,
das machen wir falsch
was eine lernt,
lernen wir alle
und hat einer, hat eine von uns
noch fragen,
dann, dann sind das
unsere fragen.“
christian geissler, dissonanzen der klärung
Demokratische Schule oder Klassenschule?
Schule hat, wie eh und je, die Funktion zu selektieren, d.h. unter den Beschulten ein Ranking vorzunehmen. Über die Selektion werden Bildungsprivilegien der „Bessergestellten“ reproduziert, das beweisen einschlägige Zahlen. So sind es bloß 15 % der Studierenden, die aus der „niedrigen sozialen Herkunftsgruppe“ kommen. Zu dieser Gruppe zählen Kinder von Beamten des niedrigen und mittleren Dienstes, Angestellte mit ausführender Tätigkeit, Facharbeiter, unselbstständige Handwerker und ungelernte oder angelernte Arbeiter.1
Das Schulsystem benachteiligt systematisch die Mehrheit der Bevölkerung. Die Schule ist eine Klassenschule! Dies ist Fakt im demokratischsten Deutschland aller Zeiten. Die Herrschenden verteidigen mit Klauen ihre Privilegien, ihr ach so humanistisches Gymnasium soll vor „dem Pöbel“ bewahrt bleiben. Ihre einzige Rechtfertigung für das extrem selektive deutsche Bildungssystem ist der Verweis auf intelligente und dumme Kinder, die nun mal getrennt werden müssten. Treffend möchte ich hier einen italienischen Bauernjungen zitieren: „Die Theorie vom Genie ist eine bourgeoise Erfindung. Sie stammt aus einer Mischung von Rassismus und Faulheit.“ 2
Die Forderung nach einer Schule für Alle steht zu Recht im Fokus linker Bildungspolitik! Die Linke muss dem selektiven Schulsystem konsequent entgegentreten und das Interesse all derer vertreten, die systematisch benachteiligt werden, weil Schule nach den Interessen der Reichen, der Besitzenden und Vermögenden ausgerichtet ist und nicht nach den Interessen der Schüler.
Von den Herrschenden wird uns weiß gemacht, dass wir uns nur anstrengen müssten. Wenn wir bloß Leistung erbringen, würden wir dafür auch belohnt. Der Haken an der Sache ist, dass in der hiesigen kapitalistischen Gesellschaft nur wenige an die Fleischtöpfe der Gesellschaft gelangen, die Masse wird notwendig nicht zu den Gewinnern gehören und muss versuchen in der Konkurrenz um Arbeitsplätze möglichst das Beste für sich rauszuschlagen.
Und zweitens ist das derzeitige Bildungssystem so ausgerichtet, dass die Höhere Bildung ein Privileg der Reichen bleibt, systematisch werden Kinder aus Arbeiterfamilien, aus Migrantenfamilien, aus Hartz4-Familien aussortiert, da Schule nicht den Kindern angepasst ist, sondern die Kinder sich der Schule anzupassen haben. Wie eh und je ist es so, dass Kinder aus Familien mit höheren Bildungsabschlüssen die besseren Voraussetzungen mitbringen, um in der Klassenschule zu bestehen und somit in der Regel die Hochschulreife erlangen. Das Arbeiterkind geht derweil auf die Restschule (In Schleswig-Holstein: Regionalschule) und hat gefälligst Arbeiter zu bleiben.3
Eine Schule für Alle und Ganztagsschule
In These 1 der LAG Bildung heißt es: „Chancengleiche Schulstrukturen bedürfen einer ganztägigen Betreuung, bei der alle Schülerinnen und Schüler zehn Schuljahre gemeinsam unterrichtet werden und sie anschließend in zwei bis vier Jahren zur Hochschulreife bzw. die Berufsausbildung anschließt.“ 4
Eine Schule für Alle bis Klasse 10, sagt die These 1. Danach Trennung der Klasse in einen Teil, der die Hochschulreife erwirbt. Der andere Teil geht in die Berufsausbildung.
Zwar soll das Gymnasium abgeschafft werden, aber die Selektion in „Arbeiterkinder“ und „Akademikerkinder“ geschieht nun nach Klasse 10, statt schon nach der Grundschule.
Ja, aber…sagen die LAGlerInnen bei so einem Vorwurf. Wir wollen doch die Ganztagsschule. In These 4 heißt es: „Ein umfassendes Ganztagsangebot bietet jedem Kind ausreichend Möglichkeit sich frei zu entfalten und unabhängig der sozialen Herkunft umfassend gemeinsame Freizeitangebote zu nutzen.“
Die Ganztagsschule kann vor allem deshalb dazu beitragen die Klassenschule zu überwinden, wenn sozial benachteiligte Kinder die Möglichkeit bekommen, ihre Rückstände in Bezug auf den Unterrichtsstoff aufzuholen und individuelle Förderung erhalten, zum Beispiel durch kostenlose Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag. Aufgrund der ganztägigen Beschulung kann folglich wohl davon ausgegangen werden, dass nach Klassenstufe 10 die Selektion in Arbeiterkinder und Akademikerkinder nicht in der Form durchgeführt wird, wie bei Beibehaltung des Gymnasiums.
Mit freier Entfaltung, wie es in der These 4 heißt, hat die Einführung der Ganztagsschule aber erstmal gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Denn ändert sich die Schule nicht grundsätzlich, geschieht „Entfaltung“ nur unter schulischer Fremdverwaltung. Um eine freie Entfaltung zu ermöglichen, müsste sich die Schule dem Schüler anpassen und nicht umgekehrt (dazu unten mehr).
Die schulische Fremdverwaltung und Reglementierung des Schülers unter der Aufsicht von Pädagogen und Lehrern würde sich im Falle der gesetzlichen Ganztagsschule sogar auf den ganzen Tag ausdehnen.
„Euch scheint es so wichtig, dass alle Jungen zur Schule gehen und den ganzen Tag dort verbringen. Sie werden als Individualisten und unpolitische Menschen herauskommen, wie die Studenten, die herumlaufen. […] Solange die Lehrer und die Lehrfächer dieselben bleiben wie bisher, ist es desto besser, je weniger Zeit die Jungen dort zubringen.“5
Andere Lehrer?
These 8 ist sicher richtig, Personal darf nicht eingespart werden. These 7 spricht von einer zeitgemäßen LehrerInnenausbildung und daher lohnt sich ein genauerer Blick aus die These: „Eine zeitgemäße LehrerInnenausbildung kann es nur dann geben, wenn das pädagogische Personal unabhängig der Schulform ausgebildet wird und eine Spezialisierung lediglich in Abhängigkeit der Schulstufen stattfindet. Nur so lassen sich die individuellen Bedürfnisse der Kinder verschiedener Entwicklungsstufen angemessen berücksichtigen.“
Gibt es „Eine Schule für Alle“, hätte sich die Frage nach der Schulform erledigt. In Bezug auf GrundschullehrerInnen könnte man die Überlegung anstellen, ob eine schulische statt einer akademische Ausbildung auch ausreichend wäre.
Ob aber eine Spezialisierung hinsichtlich der Schulstufen Sinn macht oder gar die Ausbildung des Lehrpersonals verbessert, halte ich für eine vage Behauptung. Dass sich die doch sehr fragwürdige Entwicklungspsychologie anwenden lässt, um Lehrer speziell auf „Entwicklungsstufen“ der Kinder von Klasse 5, von Klasse 6 etc. vorzubereiten, ist zumindest fragwürdig.
Die Entwicklungspsychologie geht von einer linearen und „altersgemäßen“ Entwicklung aus, die in der Praxis bei Kindern und Jugendlichen, die sich nun mal individuell unterschiedlich entwickeln, ziemlich schlecht anwendbar ist. So ist es schon bei Kleinkindern zu beobachten, dass sie nicht alle im selben Alter anfangen zu krabbeln, zu sprechen usw. Pädagogen sind dann immer schnell dabei von „Entwicklungsstörungen“ und „Abweichungen“ zu reden. Freerk Huisken führt in seinem umfassenden Standardwerk zur Kritik der Pädagogik aus: „Was die Entwicklungspsychologie formuliert, ist eben gar keine innere Gesetzmäßigkeit des Kindes. Vielmehr wird eine äußere, ans Kind herangetragene Meßlatte als eine innere Notwendigkeit des Kindes ausgegeben.“6
Um also den „individuellen Bedürfnissen der Kinder“ zu entsprechen, müssen andere Konzepte her. Zum Beispiel ein Pädagogik, die konsequent vom Kinde ausgeht und gerade das individuelle Lerntempo des Kindes beachtet und nicht das Eintrichtern gewisser Lehrinhalte zum Maßstab aller Dinge macht.
Fremdbestimmung vs. Selbstbestimmung
Auch die herrschenden Pädagogen, die zugleich die Pädagogen der Herrschenden sind, stammeln viel von Selbstverwirklichung, Individualität und Entfaltung ihrer Schützlinge. Das ist nicht weiter verwunderlich, zählen doch Flexibilität, Kreativität, Mobilität etc. auf dem Arbeitsmarkt immer mehr.
Wie schaut die schulische Realität aus? Vorgegeben sind die Anzahl der Schulstunden, die Stundendauer, die Pausen, die Klassenstärke, die Klasseneinteilung, die Schulordnung, die Schulpflicht, die Ferien usw. – all dies ist der Bürokratie angepasst, nicht dem Lernen der Kinder. Der verwalteten Schule interessiert es nicht, ob Lernen sich z.B. im 45-Minutentakt vollzieht (tut es natürlich nicht!), ob zwei Stunden Naturwissenschaften am Nachmittag sinnvoll sind etc.
Genauso ist es mit den Unterrichtsinhalten, Lehrpläne und Lehrer geben vor, was gelernt werden soll. Das Lerntempo wird bestimmt durch den Takt der Klassenarbeiten und durch die Fülle des Lehrplans. Der Lehrplan formuliert, welche Fülle an oberflächlicher Allgemeinbildung anhand oberflächlicher Lehrbücher eingetrichtert werden soll, damit am Ende ein allgemein verbildeter Schüler heraus kommt.
Bildung funktioniert jedoch grundsätzlich nur aus intrinsischer Motivation heraus. Jeder Pädagoge weiß, dass Menschen also nur lernen, wenn sie Interesse an Lehrinhalten haben. Dieses Interesse wird jedoch systematisch umgelenkt auf Bildungszertifikate, Abschlüsse und gute Noten. Schule erzeugt also eine funktionale Einstellung zur Bildung, Bildung als umfassender Prozess zur Entwicklung allseitiger Fähigkeiten bleibt auf der Strecke.
Dem entgegenzusetzen wäre ein Bildungsprozess, der radikal von den Bedürfnissen der SchülerInnen ausgeht, ein Lehrplan, der sich nach den Interessen der Kinder und Jugendlichen richtet, also von ihnen und nicht von „schlauen Leuten“ aus dem Ministerium geschrieben wird.
Die Organisation der Schule und die Lehrinhalte sind jedoch darauf ausgerichtet, die SchülerInnen ideologisch und funktional zu erziehen, sodass sie sich in der kapitalistischen Gesellschaft einfügen.7 Das Notensystem hat allein den Zweck, mittels der Normalverteilung Unterschiede herzustellen. Es ist kein Zufall, dass es immer einige gute, einige schlechte und mehrheitlich durchschnittliche Schüler gibt! Individuelle Fähigkeiten zählen nicht, Klassenbuch, Strafensystem, Schulordnung, mündliche Noten, schriftliche Arbeiten dienen dem Zweck Unterschiede herzustellen und zu disziplinieren.
These 3 der Lag Bildung heißt: „Durch den Ersatz der Noten durch Lernplangespräche, kann jedem Schüler und jeder Schülerin ein individueller Lernplan gestaltet werden.“
These 2: „ Je repressionsfreier und individueller der Unterricht, desto größer ist der Lernerfolg. Durchlässige, klassenübergreifende Strukturen und individuelle Wochenpläne sind Grundlagen der individuellen Förderung.“
These 5: „Schule kann nur dann freiheitliche, demokratische und selbstbestimmte Individuen fördern, wenn sie die Beteiligung und Gleichberechtigung aller Kinder, Jugendlichen und an der Erziehung Beteiligten sicherstellt“
Diese Thesen gehen in die richtige Richtung, aber bleiben doch recht unbestimmt und formulieren zu schwach, worauf es ankommt.
Die Noten durch Lernplangespräche zu ersetzen ist eine gute Forderung, solange auch die Kinder ihre Lernpläne selbst bestimmen können und die Lernplangespräche nicht zu einem Ersatz für Ziffernnoten werden.
Keinerlei Bewertung dient nämlich dem Zweck, den Schule eigentlich erfüllen sollte, nämlich der Bildung als Prozess zur Entwicklung allseitiger Fähigkeiten. Daher: Abschaffung jeglicher Bewertung!
Die Thesen 2 und 5 wären zu konkretisieren, daher:
- Abschaffung jeglicher Repression, daher Abschaffung von Klassenbüchern, Attestpflicht, Schulordnungen etc.
- Nicht bloß individueller Unterricht, sondern vor allem selbst bestimmter Unterricht, der von den Interessen der SchülerInnen ausgeht. Daher: Abschaffung der Lehrpläne!
- Abschaffung der Lehrer- und Pädagogenrolle als Autoritäten, daher Gleichberechtigung in allen Fragen, was die Klasse und die Schule angeht.
- Selbstverwaltung der Schule durch ein Schulplenum, wo alle SchülerInnen, LehrerInnen und MitarbeiterInnen der Schule jeweils eine Stimme haben. Alle wichtigen Fragen, die über einzelne Klassen hinausgehen, können hier demokratisch beschlossen werden.
Dieses Prinzip kann man demokratisch bis auf die Bundesebene fortsetzen, indem die Schulen Delegierte auf Landesebene schicken, welche wiederum ein Bundesplenum wählen etc.
Die reinste Anarchie?
Jenen, die meinen, das wäre doch die reinste „Anarchie“, sei ein Blick auf die Summerhill- Schule von A.S. Neill empfohlen. SchülerInnen, die von staatlichen Schulen kamen, mussten sich auf der freien Schule von Neill freilich erstmal akklimatisieren. Meistens besuchten die Kinder und Jugendlichen anfangs gar keinen Unterricht, brachen Regeln etc. Doch diese Umgewöhnungszeit dauerte nie allzu lange. Das Beispiel von Summerhill beweist, dass Kinder sich unter geänderten schulischen Bedingungen ebenfalls ändern. Sie lernten mit der dazu gewonnenen Freiheit umzugehen, lernten sich an gemeinsam vereinbarte Regeln zu halten, selbst kleine Kinder lernten Schulversammlungen zu leiten usw. Eine Schule, wo statt Konkurrenz- und Leistungsprinzip, Solidarität und Selbstbestimmung, daher Eigenverantwortung, zählt, bringt auch ganz andere Kinder und Jugendliche hervor.
Schulkampf und Sachzwänge
Wenn all diese Forderungen, die sich im Kern darum drehen eine Schule für alle SchülerInnen zu schaffen, umgesetzt werden sollen, so nur durch den Schulkampf. Doch auch eine Bewegung der SchülerInnen stößt schnell an ihre Grenzen, Grenzen die im Wesentlichen vom kapitalistischen System gezogen sind. So benötigt die Wirtschaft, wie sie nach kapitalistischen Maßstäben nun mal funktioniert, verschieden gut ausgebildete Arbeitskräfte, Gewinner und Verlierer, Chefs und Arbeitslose. Der allgemeine Wohlstand, der nach 1945 versprochen wurde, stellt sich im Angesicht der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus als blanker Hohn heraus. Die Linke muss Sachzwänge verdeutlichen, Grenzen des Kapitalismus aufzeigen und die Perspektive einer sozialistischen Gesellschaft in den anstehenden Kämpfen entwickeln. In Fragen der Schulpolitik heißt das, sich nicht auf einige Reförmchen des Bestehenden zu beschränken, sondern sinnvolle Forderungen zu entwickeln, die sich nicht dem Konkurrenz- und Leistungsprinzip unterwerfen, und gleichzeitig den Schulkampf auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu führen. Also z.B. gemeinsam mit Gewerkschaften die Problematiken von bereits beschulten Jugendlichen (Jugendarbeitslosigkeit, Ausbildungsplatzmangel, Übernahme nach der Ausbildung etc.) aufzeigen und den immer heftigeren Zugriff auf das gesamte Leben der lohnabhängigen Menschen im Interesse der Unternehmer verdeutlichen. Diejenigen, die auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind, müssen also länger arbeiten zu weniger Lohn, während gleichzeitig Schul- und Studienzeiten gekürzt werden. Die Arbeitszeit bis zur Rente wird verlängert, während gleichzeitig Hartz 4 den Druck, jeden noch so beschissenen Job anzunehmen, erhöht.
Die Linke muss also, statt konstruktive Vorschläge zu machen, wie man das Bestehende verbessert, statt „bessere Politik“ machen zu wollen, über das bestehende Elend hinaus!