8. Juli 2010

Zur politischen Bildungsarbeit im Landesverband Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein war lange Zeit ein Landesverband, dessen Politik mehr durch Personalquerelen und inhaltsleere Streitereien denn durch konstruktive Auseinandersetzungen geprägt war. Um Abhilfe zu schaffen, haben wir 2009 die Impulse der Kommission politische Bildung auf Bundesebene aufgegriffen und das „Netzwerk politische Bildung“ ins Leben gerufen. Damit wollen wir zur Zivilisierung der innerparteilichen Streitkultur beitragen. Doch richtig in Gang kam die Arbeit des Netzwerks erst nach der Landesmitgliederversammlung im Herbst letzten Jahres, wo wir breit über Ziele und Aufgaben der politischen Bildung diskutierten. 

Ergebnis war das Bildungsprogramm für das erste Halbjahr 2010 und ein recht lebendiger Bereich auf der Schleswig-Holsteinischen Homepage, der unsere Arbeit dokumentiert (<www.linke-sh.de/politik/bildungsarbeit>). Es gibt drei Typen von Veranstaltungen: Abendveranstaltungen, die in der Regel klassische Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen sind, Tagesseminare zu spezifischen Themen sowie das Neumitgliederseminar. Ein Teil der Veranstaltungen sind als „Angebotsseminare“ gekennzeichnet, d.h., sie finden nicht nur einmal statt, sondern werden bei Bedarf vor Ort in den Kreisverbänden durchgeführt. Nach dem ersten Halbjahr soll nun ein erstes Resümee gezogen werden: 

Die Abendveranstaltungen 

Die Auftaktveranstaltung am 16. April setzte sich mit „Perspektiven einer linken Klimapolitik“ auseinander. Obwohl in Kiel, waren nur 15 Leute anwesend. Das mag aber damit zusammenhängen, dass die ökologische Frage, trotz anderslautender Bekenntnisse noch nicht ausreichend in der Mitgliedschaft verankert ist. Das zeigte sich im Anschluss nicht zuletzt bei der Menschenkette gegen Atomkraft, zu der diese Veranstaltung die Mobilisierung in den Reihen der LINKEN befördern sollte. 

Von der TeilnehmerInnenzahl waren bis jetzt alle Abendveranstaltungen in diesem Rahmen. Das betrifft das Seminar über Hartz IV, aber auch die Veranstaltung über Schleswig-Holsteins Weg in den Faschismus in Rendsburg, wobei bei Letzterem eine Reihe junger AntifaschistInnen aus dem Ort anwesend waren. Die Veranstaltung zur Zivil-Militärischen Zusammenarbeit (ZMZ), bei der auch kommunale Bezüge in Schleswig-Holstein thematisiert wurden war dabei besonders lebendig, da der für die ZMZ zuständige Militär anwesend war und eifrig mit uns diskutierte (uns aber letztlich nicht überzeugen konnte ;-). Hervorzuheben ist noch die Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx an zwei Abenden, die wir in einem Hörsaal der Kieler Christian-Albrechts-Universität zusammen mit der „Linksalternativen Liste“ und dem „Arbeits- und Aktionskreis kritischer Studierender“ durchgeführt haben. Anwesend waren am ersten Abend etwa fünfzig junge Menschen, die eifrig mitdiskutierten. Gerade in Zeiten der Krise ist das Interesse an linker Analyse groß! 

Die Tagesseminare 

Am 22. Mai hat das Seminar „Was ist soziale Gerechtigkeit?“ stattgefunden. Dabei können wir besonders unserem Hamburger Genossen Hartmut Obens danken, der uns jetzt nach 2009 schon zum zweiten Mal mit einem Seminar unterstützt hat. Bei den TeilnehmerInnen ist das aus einem instruktiven Powerpoint-Vortrag und Arbeitsgruppen bestehende Seminar sehr gut angekommen. 

Am 5. Juni fand die Einführung in das Thema „Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus“ statt. In dem Angebotsseminar erarbeiteten die TeilnehmerInnen in Diskussionsrunden und Arbeitsgruppen Grundlagen für die Auseinandersetzung mit der Thematik Geschlechterverhältnisse. Besonders die Frage der globalen Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen zwischen Männern und Frauen beeindruckte die TeilnehmerInnen. Das Folgeseminar zur „4-in-einem-Perspektive“ musste leider ausfallen, soll aber nachgeholt werden. 

Im Kreisverband Lauenburg wurde ein Seminar zu Ursprüngen und Inhalten der unterschiedlichen Verständnisse des Begriffs „demokratischer Sozialismus“ in Form einer Kreismitgliederversammlung durchgeführt. Schließlich fand auf Helgoland zum ersten Mal das Angebotsseminar zur Programmdebatte an zwei Abenden statt. In der Abschlussrunde lobten die Anwesenden, dass mit diesem Seminar die Auseinandersetzung mit dem Programmentwurf, aber auch die inhaltliche Argumentation erleichtert werde. 

Neumitgliederseminar 

Das Highlight war aber das Neumitgliederseminar in der Kieler Jugendherberge. Von den vierzehn TeilnehmerInnen waren neun Männer und fünf Frauen aus unterschiedlichen Kreisverbänden, vom Hamburger Umland bis hinauf nach Nordfriesland, die sich bis auf wenige Ausnahmen vorher noch nicht kannten. Zu unserer Überraschung - denn die Anmeldung erfolgte ohne Altersangabe - war die Hälfte der Teilnehmenden 20 Jahre und jünger und besuchte noch das Gymnasium bzw. hatte es gerade beendet; die jüngste Teilnehmerin war 16, der Älteste 71 Jahre alt. Eine Zusammensetzung, die nicht unbedingt den Querschnitt unserer Partei abbildet, aber sehr belebend wirkte. 

Das im Rahmen der Kommission politische Bildung erarbeitete Programm trug uns dann auch sicher über alle Klippen hinweg, und am Sonntag Mittag kehrten Gruppe wie Teamende zufrieden wieder nach Hause zurück. Bei der Auswertung des Seminars mittels ohne Namensangabe auszufüllender Evaluationsbögen zeigten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hohe Zufriedenheit: Auf einer Skala von 1 („sehr gut“) bis 5 („schlecht“ ) wurde mehrheitlich „gut“ angekreuzt. Bei den anschließenden Fragen nach dem, was gut und was weniger gefallen habe, fanden sich die unterschiedlichsten Antworten. Das lässt sich dahingehend interpretieren, dass für jede und jeden etwas dabei war, das interessant war und es möglich machte, sich einzubringen. Langeweile oder Gefühle des Ungenügens konnten also bei der Arbeit an anderen Themen auch wieder kompensiert werden. 

Fazit: Der Anfang ist gemacht… 

Insgesamt ist die politische Bildungsarbeit in Schleswig-Holstein sehr gut angelaufen. Aufgefallen ist uns, dass in allen Seminaren und Veranstaltungen eine sehr konstruktive und solidarische Atmosphäre herrscht, die man so nicht immer auf „normalen“ Parteiveranstaltungen antrifft. Zudem konnten Genossinnen und Genossen zur Teilnahme motiviert werden, die wir bis jetzt nicht aus dem aktiven Parteileben kannten. Einige GenossInnen haben nicht nur an einer, sondern gleich an zwei oder drei Veranstaltungen teilgenommen und geben ihre Erfahrungen hoffentlich als MultiplikatorInnen an andere Mitglieder weiter. Besonders das Neumitgliederseminar, aber auch die anderen Veranstaltungen tragen damit aus unserer Sicht zu einer Belebung und Zivilisierung des Parteilebens bei. Es hat sich also gelohnt, dass der Landesvorstand erstmals einen Etat für politische Bildungsarbeit bereitgestellt hat, und es ist zu hoffen, dass diese Arbeit weiterhin kontinuierlich befördert wird, als zentraler Bestandteil im Leben unserer Partei! 

Im nächsten Halbjahresprogramm bildet die Programmdebatte den Schwerpunkt. Aber auch organisatorische Fragen (Pressearbeit, Veranstaltungsmanagement) werden behandelt. Die Reihe zu Geschlechterverhältnissen wird fortgesetzt. Natürlich stehen auch die Angebotsseminare weiter zum Abruf bereit und werden ergänzt. 

Helga Trabandt, Lorenz Gösta Beutin

Netzwerk politische Bildung Schleswig-Holstein