5. Februar 2009

„Milch macht müde Schüler/innen munter“

Nicht nur in Schleswig-Holstein beklagen Eltern und Schüler, dass der Leistungsdruck durch die Einführung des Turbo-Abiturs (G8) enorm angewachsen ist. Kinderpsychologen und Kinderärzte sprechen von „krank machenden Schulen“. In vielen Fächern sind die Schülerinnen und Schüler überfordert, weil anspruchsvoller Stoff in untere Klassen verlagert wird und die Zeit zum Üben fehlt. Die für die Entwicklung wichtige frei verfügbare Zeit, Hobbys u.s.w.  kommen zu kurz. Die Zahl der Kinder, die teure Nachhilfe brauchen, hat in einem Maße zugenommen, dass man davon sprechen kann, dass  unser “System” Gymnasium zunehmend von Eltern subventioniert wird, die es sich (noch) leisten können.

Dennoch verteidigt Bildungsministerin Erdsiek-Rave “tapfer” (KN 05.02.2009, S.17) ihre Reformen.

Das Herausragende an Frau Erdsiek-Rave's schöner, neuer Schulwelt sind die Marketing-Slogans wie „Fordern und Fördern“, „Schulen haben sich auf den Weg gemacht“ oder „Kein Kind zurücklassen“ (“No Child Left Behind”  Act on January 8, 2002, USA).  Mit diesen und ähnlichen Sprachnebeln wurde die reale Situation verschleiert und das Sparen an Bildung und die Motive der verordneten Veränderung kaschiert.

Mittlerweile steht fest, dass selbst eine Steigerung der Bildungsausgaben allein gar nicht ausreicht, um unser Bildungssystem zu verbessern. Aber glauben machen zu wollen, dass eine Verbesserung der Leistungen unseres Bildungssystems bei gleichzeitiger Reduzierung von Zeit und Mitteln erreichbar sei und damit auch noch neue Qualitäten zu schaffen sind, ist eine Verhöhnung von Kindern, Eltern und Leh-rerinnen und Lehren. Auch die Kritik der Landeselternvertreterin Frau Krüger-Krapoth greift zu kurz, wenn sie “mahnt”, “das darf nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden” – denn das geschieht längst.

Die Bildungsministerin sollte ihre eigenen Reformversprechen mit den Maßstäben ökonomischer Rationalität bewerten, die als Argumente für die Reformen angeführt wurden. Das beinhaltet auch den Verschleiß an Ressourcen und Motivation wie beispielsweise durch die Schulprogrammarbeit, die bei der Lösung schulischer Alltagsprobleme keine Hilfe war. Um eine systematische Verknappung des für unsere „Rohstoffs Bildung“ zu verhindern, bedarf einer Finanzierung, die das Bildungssystem durch eine angemessene Grundausstattung in die Lage versetzt, ihren gesellschaftlichen und grundgesetzlichen Auftrag zu erfüllen. Bei all den bisherigen sogenannten Reformen wird keine seriöse und keine unseren Kindern zugewandte „nachhaltige“ Bildungspolitik sichtbar.

Vielmehr führt die technokratische Ausrichtung dazu, dass die aktuelle Arbeit in den Schulen zunehmend durch die Einschränkung der professionellen Verantwortung geprägt wird, während diese im Interesse unserer Kinder aufgebaut werden muss.Die inhaltlichen und organisatorischen Standarisierungen mittels Modularisierung und Bildungsstandards stehen im Widerspruch zur Freiheit, die jede Entwicklung braucht.