24. Juni 2011

Leserinnenbrief zur Forderung nach Studiengebühren

Berichterstattung in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung zur Forderung nach Studiengebühren – „Standpunkt“ von Peter Höver am 24. Juni, Seite 2

Sehr geehrte Redaktion,

Sehr geehrter Herr Peter Höver,

Sie bezeichnen in Ihrem Standpunkt den Ruf nach sozialer Gerechtigkeit im Bildungssystem als „Jammerlied“. Dabei jammern Sie selbst von Eigenverantwortung und „Investitionen in die eigene Zukunft“ in einer Zeit, in der der Staat die Menschen mit ihren Lebensrisiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter immer mehr allein lässt, während Steuerzahlerinnen und Steuerzahler die milliardenschweren Spekulationsverluste von Banken auffangen müssen.

Das Loblied auf Studiengebühren, das Sie in Ihrem „Standpunkt“ singen, ist alt und dazu noch schief gesungen.

Investitionen in ein Hochschulstudium seien für Studierende Ihrer Meinung nach „Investitionen in die eigene Zukunft“. Was wäre denn dann eine durch das Land ausfinanzierte Bildungs- und Hochschullandschaft? Wäre es nicht eine sinnvolle Investition des Landes in die Zukunft seiner Kinder und damit in seine eigene? Meinen Sie im Ernst, dass es für Menschen aus allen gesellschaftlichen Milieus gleichermaßen möglich ist, ein Studium aufzunehmen, wenn sie doch wissen, dass mit dem Abschluss eine Schuldenrechnung ins Haus flattert?

Von einem Bildungssystem, das jeder und jedem Interessierten einen ungehinderten Zugang bietet, profitieren Individuen ebenso wie die Gesellschaft insgesamt, denn nur ohne Hürden können alle Potenziale entwickelt werden. Niemand wird ausgeschlossen, das Schicksal liegt damit tatsächlich in der eigenen Hand und nicht im Geldbeutel verborgen.

Eine wie auch immer geartete Beschränkung des Zugangs – und nichts anderes ist die Einführung von Studiengebühren – hält unweigerlich Menschen von einem Studium ab, weil sie zwar willens und fähig sind, ein erfolgreiches Studium zu absolvieren, ihnen das finanzielle Risiko aber zu hoch ist.

„Wieder zurückgeben“ – wie Sie es fordern – sollten diejenigen, die ihr Wissen „später im Beruf teuer vermarkten können“ in Form von angemessenen und sozial gerechten Steuern, die dann wiederum der gesamten staatlichen Infrastruktur zu Gute kommen – und damit auch den Hochschulen. Dazu muss nicht im Vorfeld ein Schlagbaum vor die Hochschulen gesetzt werden.

Darüber hinaus müssen Universitäten gerade in Zeiten schwerer Krisen und weltweiter politischer Konflikte weit mehr sein, als reine Zulieferbetriebe für die Wirtschaft. Es werden dort nicht nur neue Technologien entwickelt, es wird auch erforscht, wie diese der Gesellschaft nützen können. In Universitäten werden komplexe Lösungsstrategien für die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit gefunden. In einer Debatte um den reinen Gebrauchswert von Bildung und Ausbildung geht die solidarische Entwicklung der Gesellschaft mit Pauken und Trompeten unter.

Dafür aber setze ich mich in und mit meiner Partei DIE LINKE ein – und dazu gehört die Forderung nach Gebührenfreiheit in der Bildung. 

Im Sinne einer ausgewogenen Darstellung der Debatte um Studiengebühren würde ich mich über die Veröffentlichung meines Leserinnenbriefes freuen.

Mit freundlichem Gruß,

Jannine Menger-Hamilton

Landessprecherin der LINKEN Schleswig-Holstein

Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft für Bildung der Partei DIE LINKE in Schleswig-Holstein