5. Januar 2012

Zu den Arbeitsmarktzahlen für Schleswig-Holstein: Statistiktricks nicht nur mit älteren Arbeitslosen

von Klaus-Dieter Brügmann


In Lohn und Brot?

Die Zeitung, hinter der angeblich immer ein kluger Kopf steckt, die FAZ, schrieb am 2. Januar: "Die gute Konjunktur hat die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland auf ein Rekordhoch getrieben. Im Jahresschnitt waren etwas mehr als 41 Millionen Menschen in Lohn und Brot." So oder so ähnlich rauschte es durch die bundesdeutschen Medienwelt, um noch vor der Veröffentlichung der Arbeitsmarktzahlen durch die Bundesagentur für Arbeit sinkende Arbeitslosenzahlen zu feiern.

Nun stammt die Zahl aber vom Statistischen Bundesamt und nicht von der Bundesagentur. Sie ist natürlich keine Fälschung, aber eben doch reine Regierungspropaganda. Das Bundesamt "folgt dem Labour-Force-Konzept der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ... Erwerbstätig im Sinne der ILO-Definition ist jede Person im erwerbsfähigen Alter, die in einem einwöchigen Berichtszeitraum mindestens eine Stunde lang gegen Entgelt oder im Rahmen einer selbstständigen oder mithelfenden Tätigkeit gearbeitet hat.", heißt es im Kleingedruckten auf der Internetseite des Amtes. Mit anderen Worten: Wer jemandem eine Stunde im Haushalt hilft gilt danach schon als erwerbstätig. Offensichtlich denkfaule Journalisten machen daraus Menschen, die "in Lohn und Brot" stehen.

Scheinheilige Empörung

Im Dezember griff die Süddeutsche Zeitung den von den Grünen erhobenen Vorwurf auf, die jetzige Bundesregierung rechne die Arbeitslosenzahlen durch Statistiktricks schön. Dabei nannten die Grünen die aus der Statistik rausfallenden über 58-jährigen. Die Medien, die das mit einer gewissen Gier aufnahmen, haben allerdings drei Dinge "übersehen". Erstens hat die Schönrechnerei Tradition. Auch Rot-Grün und Schwarz-Rot haben das praktiziert. Zweitens fallen bedeutend mehr aus der Statistik raus. Und drittens weist DIE LINKE seit Jahr und Tag auf ebendiese Praxis hin.

Das "Messkonzept der Unterbeschäftigung"

Der Begriff "Unterbeschäftigung" stammt nicht aus der Feder eines Satirikers, sondern ist Bundesagentur-Sprech. Dazu zählen nicht nur Arbeitslose, die älter als 58 Jahre sind - in Schleswig-Holstein immerhin knapp 8.100 Menschen -, sondern weit mehr. Arbeitslose, die krank sind, einen Ein-Euro-Job haben oder an Weiterbildungen teilnehmen, werden bereits seit Längerem nicht als arbeitslos gezählt.

Im Mai wurde das "Messkonzept" allerdings "weiterentwickelt".

Zählten im April gerade mal 2 (in Worten: zwei) Personen zu den über 58-jährigen ALG I-Beziehern waren es im Mai 5.770 (in Worten: fünftausendundsiebenhundertund<wbr></wbr>siebzig). Fortan wurden neben den Arbeitslosen, die durch den $ 428 SGB II rausgerechnet werden konnten, auch die nach $ 65, Abs. 4 SGB II und $ 252, Abs. 8 SGB VI rausgerechnet.

Auch wer wegen Erkrankung rausfallen konnte, wurde umdefiniert. Wurden im April 1.095 Kranke gezählt, waren es im Mai 2.668, mithin das Zweieinhalbfache.

Neu kam 2011 die Gruppe "Fremdförderung" hinzu. Darunter sind z. B. all jene zu verstehen, die "berufsspezifische Sprachkurse", "Integrationskurse" oder an Maßnahmen von "Fremdkostenträgern" (= nicht Bundesagentur) teilnehmen.

Wie absurd das Prinzip "Unterbeschäftigung" ist, zeigt sich darin, dass auch all die aus der Statistik fallen, die in die Hände privater Arbeitsvermittler gefallen sind, nicht mehr als arbeitslos zählen obwohl sie arbeitslos sind.

Dezember 2011

Die Zahlen für Schleswig-Holstein beruhen allein auf den von der Bundesagentur am 3. Januar veröffentlichten Zahlen. Im Dezember 2011 waren 98.705 Menschen ohne Arbeit sondern 129.342. Damit liegt die tatssächliche Arbeitslosigkeit um ca 31% höher als offiziell zugegeben.  

    Offizielle Arbeitslosigkeit  98.705

    Nicht gezählte Arbeitslose  30.637

    Tatsächliche Arbeitslosigkeit im Dezember 2011  129.342

    Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld II (§ 53a SGB II) 3.458

    Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld I  
    (§ 428 SGB III / § 65 Abs. 4 SGB II / § 252 Abs. 8 SGB VI )) 4.617

    Ein-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheiten)  7.138

    Berufliche Weiterbildung  4.977

    Fremdförderung  2.020 
    Bürgerarbeit 452

    Aktivierung und berufliche Eingliederung (z. B. Vermittlung durch Dritte)  4.889

    Beschäftigungszuschuss (für schwer vermittelbare Arbeitslose)  228

    Kranke Arbeitslose 2.858

    Nicht gezählte Arbeitslose  30.637