Religionsfreiheit und linke Politik

Religionsfreiheit und linke Politik
Es fällt auf: Bevorzugt unter sicherheitspolitischen Erwägungen erfolgt im öffentlichen Raum in den letzten Jahren die Beschäftigung mit religiösen Phänomenen. Auf die Herausforderung durch religiös motivierte Gewalt – insbesondere in Form des islamistischen Fundamentalismus und Djihadismus – müsse man reagieren. Von christlichen Fundamentalisten, die mit der Flinte vor Abtreibungskliniken stehen, ist dabei meist nicht die Rede.

In der Wirkung gleich: das Kopftuchtragen ist im Iran erzwungen, in Frankreich verboten.
Foto: Edda Lechner am Golestan-Palast in Teheran, Iran. Junge Mädchen tragen ihre Kopfbedeckung – allerdings in sehr attraktiver Weise.

 

Man kann die endlosen Wortmeldungen sehen, hören und lesen, wenn die Verbesserungsvorschläge erörtert werden: Es geht um Auswertung von Informationen zum radikalisierenden Potential islamischer Glaubensrichtungen, um Überlegungen, Religionen zu zivilisieren, gezielt Einfluss zu nehmen auf die Vermittlung von Glaubensinhalten – z.B. im Kontext der Imamausbildung – und natärlich um Überwachung durch Geheimdienste. Angesichts dieser Ausgangsbasis wäre demnach Religionspolitik heute vor allem als strategisches Defensivkonzept zu verstehen, mit dessen Hilfe die negativen Auswirkungen übersteigerter Glaubensüberzeugungen einzudämmen sind. Links und rechts wird da gewaltig gedröhnt.

Im Schatten der medial präsenten Diskussion über Religionen ist allerdings inzwischen auch die Frage – allerdings viel leiser – nach den vorhandenen Ressourcen zurückgekehrt, die religiös-ethische Ideale für den demokratischen Rechtsstaat entfalten könnten. Vom sozialen und kulturellen Kapital der Religionen ist dabei die Rede, den vorpolitischen, religiös in Mythen vorgebildeten Grundlagen der Demokratie oder, wie vor zwei Jahren, als die Debatte im Kieler Landtag zum Gottesbezug in der Verfassung geführt wurde, von den Grenzen demokratischer Verfügungsgewalt Gott, dem transzendenten Höheren Wesen, als Demutsformel.
Den aktuellen Stand dieser Kontroverse wollen wir in dieser Broschüre erörtern und dabei unser Plädoyer für Religionsfreiheit als aktuell notwendiges Projekt linker Politik begründen. Es ist weder für religiöse noch areligiöse Menschen leicht, angesichts der zunehmenden Pluralität der religiösen Richtungen und Erscheinungsformen, der gestiegenen gesellschaftlichen Bedeutung des Islam und der damit verbundenen Konfliktpotentiale, sich in dieser Debatte zurecht zu finden
und – vor allem – für linke Politik eine politisch handlungsfähige emanzipatorische Position zu gewinnen.
Historische, rechtliche und soziologische Gesichtspunkte müssen dabei beachtet werden.
– Karl-Helmut Lechner, September 2018

Themenheft Religionsfreiheit 3.Auflage