Mobilität

Bildungsgerechtigkeit mangelhaft – das Armutszeugnis 2020

Corona beschert Schülerinnen und Schülern aus Familien mit geringem Einkommen in Schleswig-Holstein schlechte Zeugnisse

Viele Schülerinnen und Schüler, die keinen Laptop, eine kleine Wohnung oder viele Geschwister haben, bekommen heute schlechte Nachrichten. Sie fliegen vom Gymnasium, verlieren eine Prüfungszulassung oder verfehlen die Noten für einen Abschluss.

Offiziell dürfen die Leistungen nach der Schulschließung am 13.03. in den Zeugnissen nur positiv, aber nicht zum Nachteil der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden. „Das klingt fair“, sagt Johann Knigge-Blietschau von der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung der LINKEN Schleswig-Holstein, „ist es aber nicht. Das Problem entsteht bei Schülerinnen und Schülern, die schlechte Halbjahresleistungen hatten. Oft werden im Halbjahreszeugnis ‚Warnschüsse‘ abgegeben, die Schülerinnen und Schüler strengen sich an und verbessern ihre Ergebnisse. Diese Möglichkeit hatten viele dieses Jahr einfach nicht. Es gibt Grundschulen, wo Klassen aufgelöst werden, weil so viele Schülerinnen und Schüler wegen Halbjahresbemerkungen wiederholen müssen.“ Das trifft insbesondere Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigen Einkommen.

So wurden vielfach schlechte Noten des ersten Halbjahres auf das zweite Halbjahr übertragen. In der Oberstufe kann diese Übertragung von „Fehlkursen“ die Zulassung zum Abitur kosten. Auch die Fachhochschulreife, die Mittlere Reife oder der Erste Allgemeinbildende Schulabschluss (ESA) konnten auf diese Weise verloren gehen.

„Die Landesregierung hätte dem Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern und sechs anderen Bundesländern folgen müssen, die z.B. das Sitzenbleiben einfach ausgesetzt haben“, meint Johann Knigge-Blietschau . „Gute Leistungen anerkennen, für alle anderen eine Ausnahme schaffen, das wäre das einzig Richtige gewesen.“ Stattdessen hat die Landesregierung nicht einmal die „Querversetzung“ ausgesetzt. Wer im Gymnasium in Jahrgangsstufe 5 oder 6 ein schlechtes Halbjahreszeugnis hatte, hatte dieses Jahr schlechte Karten – es sei denn, er oder sie hatte einen Laptop, einen häuslichen Arbeitsplatz und Unterstützung. Die anderen werden wohl nach dem Sommer nicht wieder an ihre alte Schule zurückkehren können. „Diese schlechten Noten spiegeln nicht die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler, sondern das Familieneinkommen – ein Armutszeugnis in jeder Hinsicht“, urteilt Johann Knigge-Blietschau.