Schützen und unterstützen statt Leistungsdruck – LINKE Antworten auf die Corona-Krise im Bildungssystem

Stellungnahme der LAG Bildung der LINKEN.SH, 25.04.2020:

Die Corona-Krise verschärft die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem in extremer Weise. Dem muss durch eine Entlastung von Leistungsanforderungen und durch pädagogische und materielle Unterstützung von Familien und Schüler*innen entgegengewirkt werden.

Zugleich dürfen Menschenleben nicht in Gefahr gebracht werden, um starre Leistungsvorgaben des Bildungssystems zu erfüllen

Wir lehnen eine weitere Öffnung von Schulen und Kitas zum jetzigen Zeitpunkt ab:  Die Zahl der akut Erkrankten ist heute höher als zum Zeitpunkt der Schulschließung.

Als die Schulschließung am 13. März beschlossen wurde, waren in Schleswig-Holstein 49 Corona-Infektionen gemeldet, davon 13 Neuinfektionen des gleichen Tages. Innerhalb der nächsten zwei Wochen stieg diese Zahl auf 821 gemeldete Infektionen, am 27. März wurden 126 Neuinfektionen gemeldet. Am 25. April hatten wir 713 akut Erkrankte bei 2613 Infektionen insgesamt und 1900 Genesenen. Kurz gesagt: Wir haben etwa 14mal so viele akut Erkrankte wie zum Zeitpunkt der Schulschließung und etwa so viele akut Erkrankte wie zwei Wochen nach der Schulschließung.

Warum sollte man eine Schutzmaßnahme zurückfahren, wenn die aktuelle Situation schlimmer ist als die Situation, in der sie eingeführt wurde?

Die Zahl der Neuerkrankungen ist in Schleswig-Holstein durch die Maßnahmen zurückgegangen: Von über 120 auf 46 neue Fälle pro Tag, was immer noch dreimal so viele sind wie zum Zeitpunkt der Schulschließung. Ein weiterer Rückgang der akut Erkrankten ist zu erwarten – es sei denn, man gefährdet ihn durch vorschnelle Lockerungen. Es ist richtig, dass das Gesundheitssystem noch nicht am Limit ist. Die Kliniken haben noch freie Beatmungsgeräte. Aber ist es eine verantwortliche Politik, diese Grenze ausreizen zu wollen?

In den Schulen und Kitas bestehen keine Voraussetzungen um social distancing oder Hygieneregeln einzuhalten, Klassen sind zu klein, Schultoiletten notorisch schlecht ausgestattet. Wenn alle Schulen mit Masken und anderem Material versorgt werden müssen, treten sie darüber hinaus in Konkurrenz zu Pflegediensten und medizinischen Einrichtungen. Masken und Desinfektionsmittel können in einigen Haushalten erhebliche Zusatzkosten bedeuten.

Insbesondere in Kitas entsteht durch die weitere Öffnung das Risiko, dass Familien mit Eltern aus dem Pflegebereich, der Medizin oder anderen kritischer Infrastruktur einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt werden.

Richtig ist, dass auch Armut tötet. Die Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie gefährdet Existenzen und verringert Einkommen. Häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder hat zugenommen. In einigen Familien entstehen oder verschärfen sich Probleme. Schulen und Kitas verlieren den direkten Kontakt.

Jede medizinisch gebotene Maßnahme muss auf ihre Nebenwirkungen hin befragt werden. Aber Antworten müssen zu den Problemen passen – und das tun sie zurzeit nicht.

Pädagogische Unterstützung statt Leistungsdruck

Was Familien und Kinder derzeit brauchen ist Entlastung. Stattdessen werden Abschlussprüfungen durchgeführt, als ob nichts wäre. Wie wenig Gesundheit und wie sehr Auslese das Leitmotiv ist, zeigt insbesondere die Absicht, die 4. Klassen als erste wieder in die Schulen zu rufen. Dies wird begründet damit, die Kinder “auf den Schulwechsel vorzubereiten”. Mit anderen Worten: Es sollen Schulartempfehlungen innerhalb von sechs Wochen erstellt werden. Der Leistungsdruck auf die Kinder wird damit in unverantwortlicher Weise erhöht.

Die LAG Bildung der LINKEN.SH fordert:

  • Pädagogische Unterstützungsangebote für Kinder in schwierigen Situationen
  • Unterstützung für Schüler*innen, bei denen Deutsch nicht Familiensprache ist, z.B. finanziell geförderte online-Nachhilfe
  • Alle Haushalte müssen nach Bedarf mit den notwendigen Endgeräten versorgt werden, damit Schüler*innen zuhause digital lernen können. Hamburg zum Beispiel leiht zu diesem Zweck Endgeräte an Schüler*innen aus.
  • Lehrkräfte müssen mit Dienstgeräten ausgestattet werden.
  • Zeugnisse des 2. Halbjahres 2019/2020 dürfen keine negativen Auswirkungen haben: Keine Abschulungen, kein “Sitzenbleiben”, kein Ausschluss von Prüfungen. Die Inhalte dürfen auch zukünftig nicht für Prüfungen vorausgesetzt werden.
  • Klausuren in den Hochschulen sollen dem Erlass entsprechend nur in zwingenden Fällen geschrieben werden und dürfen keine Zulassungschancen, z.B. zum Masterstudium, verschlechtern. (NC)
  • Versetzung oder Wiederholung auf Antrag der Eltern oder der Schüler*innen nach Beratung mit den Lehrkräften
  • Verzicht auf weitere Abschlussprüfungen, kein mündliches Abitur, keine MSA- oder ESA-Prüfungen: Den Betroffenen muss freigestellt werden, ob sie einen Abschluss mit einer Durchschnittsnote erhalten oder die Prüfung wiederholen wollen.
  • Freie Schulwahl 2020 – Schüler*innen des 5. Jahrgangs 2020/2021 müssen die Schule besuchen können, die sie wollen. Keine Schulartempfehlung und keine erzwungenen Schulartwechsel in der Orientierungsstufe für diesen Jahrgang. Ermunterung und Förderung statt Auslese!
  • Die LAG Bildung fordert für die Zukunft die Eine Schule Für Alle. Das Problem des Schulübergangs nach Klasse 4 entsteht nur durch das gegliederte Schulsystem.

Rücksicht auf gefährdete Personengruppen

Wie sollen sich Eltern von Abschlusskandidatinnen und -kandidaten oder schulpflichtigen Viertklässlerinnen schützen, die eine Vorerkrankung haben oder über 60 sind? Sollen sie ihre Kinder ausquartieren oder sich in Quarantäne begeben?  Erzieherinnen und Erziehern der Risikogruppe wird statt Büroaufgaben angeboten, sich krankschreiben zu lassen. Sie fallen spätestens nach 6 Wochen ins Krankengeld, also 70% ihres Lohnes.

Die LAG Bildung der LINKEN.SH fordert:

  • Kein Schulbesuch für Kinder von Eltern, die der Risikogruppe angehören.
  • Volle Lohnfortzahlung für gefährdete Pädagoginnen und Pädagogen während der Dauer der Pandemie
  • Kurzfristige Unterstützungszahlungen für bislang nicht unterstützte Studierende, die ihren Job verloren haben (z.B. Rückerstattung der Semesterbeiträge, Kompensation durch den Bund)

Entlastung und Unterstützung von Eltern

Wenn Kitas und Schulen nicht geöffnet sind, können Eltern nicht die volle Leistung bringen, ob im Home-Office oder am Arbeitsplatz.

DIE LINKE.SH fordert

  • Kurzarbeitergeld auch für Eltern kleiner Kinder auf 90%
  • Vermögensabgabe zur Finanzierung der Krise

Kontakt: LAG Bildung DIE LINKE.SH

lag-bildung@linke-sh.de