Wer den Laden am laufen hält – Aus dem Arbeitsalltag einer Verkäuferin

Franziska* arbeitet für einen großen Lebensmitteldiscounter in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Sie ist Mitglied in der Partei DIE LINKE und hat sich bereit erklärt, einen Einblick in ihren Arbeitsalltag während der letzten Wochen zu geben.

Wie geht es Dir persönlich gerade?

Mir persönlich geht es gut. Ich war zum Glück nicht erkältet und bin noch immer guter Dinge.

Ab wann hat sich der Coronavirus auf Deine Arbeit ausgewirkt?

Vor dreieinhalb Wochen, als angekündigt worden ist, dass Schulen und die meisten Geschäfte bald geschlossen sein werden. Dann begann der große Run auf die Lebensmittelgeschäfte. Erst in den größeren Städten, dann auch in der Kleinstadt, wo ich arbeite. Am Donnerstag ging es langsam los. Am Freitag wurden wir dann überrannt. Niemand von uns hat damit gerechnet und es war nichts für eine Sondersituation vorbereitet. An diesem Freitagvormittag war ich für die Filiale verantwortlich. Wir waren drei Personen in der Filiale. Eigentlich reicht das. An diesem Tag sind wir aber nicht hinterhergekommen mit dem Einräumen der Regale. Wir saßen alle durchgehend an der Kasse.

Zwei Arbeitstage ging das so weiter. Dann waren viele Artikel, wie Nudeln, Mehl und Klopapier schlicht ausverkauft und es kamen wieder weniger Personen.

Hattest Du besondere Erlebnisse mit den Kund*innen?

Ein einschneidendes Erlebnis war ein Ehepaar um die 80, das drei Einkaufswagen voll Konserven und Klopapier gekauft hat. Ich schwankte zwischen Lachen und tiefstem Mitleid. Ich habe wenig wirklich negative Erfahrungen gemacht, bis auf ein paar Schreiereien und ärgerliche Blicke. Und das ständige Nachfragen, wann dies oder jenes wieder angeliefert wird, hat schon genervt.

Wir haben aber wirklich auch viel Zuspruch bekommen.  Ein Kunde hat mich z.B. gefragt, wie viele denn gerade in der Schicht arbeiten und hat dann für alle je eine Packung Merci gekauft. Das war toll. Und als jemand mir gesagt hat, dass ich eine Heldin bin, habe ich fast geweint.

Was hätte Dein Arbeitgeber besser machen müssen?

Das Unternehmen hat zu spät reagiert, was Handschuhe, Desinfektion und Spuckschutz angeht. Andere Unternehmen waren schneller. Mittlerweile ist es okay.

Außerdem passierte erst einmal nichts weiter. Frische Sachen kamen wie immer jeden Tag. Andere Dinge, wie Klopapier kommen aber nur einmal die Woche und das Zentrallager war schlicht leer. Wir haben dann auch nicht mehr Ware, sondern immer die übliche Menge bekommen. Das liegt am automatischen Liefersystem, das nicht sehr flexibel ist. Da wird einfach weiter genau das geliefert, was im Jahr zuvor zum gleichen Zeitpunkt verkauft worden ist. Da kann man in meinen Augen auch nicht von Versorgungssicherheit sprechen. Wir wurden null auf die neue Situation vorbereitet und sie kam völlig unverhofft. Das war am belastendsten.

Musst Du viele Überstunden machen?

Der LKW, um zu liefern, kommt immer vormittags zu uns. Ich muss dann oft vormittags kommen, auch wenn ich Spätschicht habe, um dabei zu helfen, die Regale voll zu räumen. Ich werde dafür kurz vorher angerufen. Dieser Dienst auf Abruf belastet mich schon.

Die Putzkräfte kommen zudem nicht mehr. Wir desinfizieren abends den ganzen Laden selber. Wir arbeiten nun oft eine Stunde länger abends.

Außerdem hat man keine wirkliche Ausrede bei Überstunden. Es passiert ja sonst nix. Zumindest werden die Überstunden aufgeschrieben und vergütet.

Wie sieht es jetzt gerade aus?

Mittlerweile hat es sich wieder eingependelt. Zumindest was den Kund*innenansturm und die Warenlage angeht. Ich bin 20 Jahre im Einzelhandel. Daher routiniert. Ich finde es aber schon unheimlich, alle Kund*innen als potentielle Virenträger*innen sehen zu müssen. Eigentlich sollte man ja den Kund*innen gegenüber positiv eingestellt sein.

Viele Ältere zahlen immer noch mit Bargeld. Andererseits muss man die Geräte für die EC-Karte auch nach jeder Nutzung desinfizieren, damit es für die Kund*innen einen Nutzen hat, mit Karte zu zahlen. Das schafft eigentlich niemand von uns, weil die Zeit dafür fehlt.

Und die Einmalhandschuhe aus Plastik sind eklig. Die Hände fangen nach fünf Minuten an zu schwitzen. Daher trage ich die auch nicht immer. Die Hände sind außerdem vom vielen Desinfizieren kaputt.

Wie hat sich die Krisensituation auf Euren Umgang untereinander ausgewirkt?

Unter den Kolleginnen hat es den Zusammenhalt gestärkt. Wir versuchen alles gemeinsam zu schultern.

Wirkt sich die Situation positiv auf Dein Gehalt aus?

Im Gegenteil. Die Überlegung die Tariferhöhung für Kassierer_innen im Einzelhandel auszusetzen, ist eine absolute Sauerei. Wir bekommen lediglich einen 250 Euro-Warengutschein von unserer Firma. Ich hätte das Geld allerdings lieber bar.

Vielen Dank für das Gespräch!

*Name geändert